Warum Europa Strom als zentrales Element der Sicherheitsinfrastruktur behandeln muss
Kristian Ruby
Als im Januar große Teile Berlins ohne Strom waren, wurden Tausende Menschen plötzlich an eine grundlegende Tatsache erinnert: Strom ist keine beliebige Ware. Er ist das Rückgrat der modernen Gesellschaft. Verkehrssysteme kamen zum Erliegen. Die Telekommunikation wurde unterbrochen. Unternehmen mussten schließen. Das öffentliche Leben kam zum Stillstand.
Eine Erkenntnis ist dabei besonders entscheidend: In der heutigen geopolitischen Lage sind Stromversorgungssysteme strategische Einrichtungen und potenzielle Angriffsziele. Die dramatischen Folgen dieser neuen Realität sind in der Ukraine zu sehen. Seit fast drei Jahren ist dort die Strominfrastruktur systematischen und immer tiefgreifenderen Angriffen ausgesetzt. Diese zielen nicht nur darauf ab, Einrichtungen zu beschädigen, sondern auch die Gesellschaft zu destabilisieren und die Verteidigung zu schwächen.
Im Gegensatz zur Ukraine ist Europa nicht von Kriegsgefahren bedroht. Aber auch wir leben nicht in vollkommen friedlichen Zeiten. In einem neuen Bericht mit dem Titel „Battle-tested power systems” (Kriegserprobte Stromversorgungssysteme) hat Eurelectric untersucht, wie hybride Bedrohungen für die Energieinfrastruktur in der gesamten EU zunehmen. Unterbrechungen von Seekabeln in der Ostsee, Brandanschläge auf Energieanlagen, eskalierende Cyberangriffe und koordinierte Desinformationskampagnen gegen Versorgungsunternehmen sind keine Einzelfälle mehr. Sie sind Teil einer systematischen Einflussnahme auf kritische Infrastrukturen.
Prognosen und Szenarien für die globale Energieversorgung – Die Kluft zwischen Anspruch und Realität
Hans-Wilhelm Schiffer
Herausforderungen und Strategien beim Betrieb von Batteriegroßspeichern am Beispiel M5BAT
Lucas Koltermann and Dirk Uwe Sauer
Die Integration erneuerbarer Energien wie Wind- und Photovoltaikanlagen erfordert zunehmend flexible und zuverlässige Energiespeicherlösungen. Batteriegroßspeichersysteme (BESS) sind Schlüsselkomponenten zur Stabilisierung des Stromnetzes, zur Bereitstellung von Systemdienstleistungen wie Primär- und Sekundärregelleistung sowie zum Ausgleich von Energieerzeugung und -verbrauch. In diesem Artikel werden praktische Erkenntnisse aus dem Betrieb des Forschungs-BESS M5BAT präsentiert, das verschiedene Batterietechnologien, darunter Blei-Säure- und Lithium-Ionen-Batterien, im Einzel- und Hybridbetrieb kombiniert. Der Schwerpunkt liegt auf dem Ladezustandsmanagement, dem Zellbalancing, der Systemeffizienz und der Batteriealterung unter realen Betriebsbedingungen. Die Ergebnisse zeigen, dass gezielte SOC-Fenster und aktive Balancingstrategien die nutzbare Kapazität maximieren und die Alterung minimieren, während Multi-Use-Betriebsszenarien die Gesamteffizienz des Systems verbessern. Die Ergebnisse bilden eine Grundlage für die Verbesserung bestehender BESS sowie für die Planung künftiger Batteriegroßspeicher und unterstützen die langfristige Zuverlässigkeit, Leistung und Netzintegration erneuerbarer Energiequellen.
Technisch-wirtschaftliche Analyse der Umnutzung von Kraftwerksinfrastruktur als DAC-Anlagen
Robert Sager, Nils Hendrik Petersen, Manfred Wirsum und Urs Overhoff
Die neue Industrieemissionsrichtlinie und der BREF-Prozess
Kristina Juhrich
Im Zuge der Revision des Industrieemissionsrichtlinie sind relevante Auswirkungen auf den BREF-Prozess und die zukünftige Festlegung von Grenzwerten zu erwarten. Während bisher verpflichtend der obere Wert der Bandbreite umzusetzen war, muss zukünftig die gesamte Bandbreite berücksichtigt und der niedrigste erreichbare Wert ermittelt werden. Neben den Schadstoffemissionen in die verschiedenen Medien müssen auch weitere Aspekte des Produktionsprozesses berücksichtigt werden, wie den Verbrauch an Ressourcen und Energie und sonstige Umweltbelastungen. Im folgenden Beitrag werden die wichtigsten Änderungen beschrieben und der mögliche Umgang mit den neuen Anforderungen diskutiert.
Umbaumaßnahmen an mit Erdgas befeuerten Dampfkesseln zum Einsatz von Wasserstoff unter Einhaltung der NOx-Emissionen
Michael Beyer, Thomas Schmidt, Stefan Kohn und Jeremia Schreiber
Die Bestrebungen der deutschen Regierung sind, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu gestalten. Dazu gehört der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2038 idealerweise bis 2030. Danach werden Öl und Erdgas aus der Erzeugung von Strom und Wärme herausgenommen. Dies gilt gleichermaßen für Haushalte und Industrie. Schon heute werden Weichen in der Industrie dafür gestellt. Die Verfasser haben exemplarisch theoretische Untersuchungen durchgeführt, wie eine bestehende Kesselanlage bei sukzessiver Substitution des Erdgases durch Wasserstoff geändert werden muss. Ziel ist, sowohl eine stabile Betriebsweise, einen hohen Wirkungsgrad als auch die geforderten NOx-Emissionen zu gewährleisten. Es werden Umbaumaßnahmen an den Feuerungsanlagen und den Dampferzeugern vorgestellt und eine Einschätzung gegeben, unter welchen Rahmenbedingungen ein Umbau wirtschaftlicher ist als eine neue Dampfkesselanlage.
Entwicklung von Strategien für das Lebenszyklusmanagement von Dampfturbinen und Generatoren in alternden fossil befeuerten Dampfkraftwerken
Pascal Decoussemaeker, Michael Binder und Paul Cooper
Viele Betreiber von Dampfkraftwerken stehen vor dem Problem, dass sie zur Unterstützung der Energiewende ihre Anlagen länger als ursprünglich vorgesehen betreiben müssen. Um einen weiterhin zuverlässigen Betrieb zu gewährleisten, ist es wichtig, die Anlagenmanagementstrategie für die verbleibende Betriebsdauer zu aktualisieren. In diesem Beitrag wird ein Überblick über die Hauptrisiken für die Dampfturbine und den Generator gegeben, zusammen mit einigen der verfügbaren Methoden zur Überwachung und Kontrolle dieser Risiken. Der Beitrag diskutiert auch andere Risiken, die sich möglicherweise auf alternde Anlagen auswirken und durch Wechselwirkungen mit dem Stromnetz verursacht werden können, unter Berücksichtigung der Veränderungen, die sich in vielen Ländern im Zusammenhang mit der laufenden Energiewende auf die Netze auswirken.
IEA: Weltweite Beschäftigung im Energiesektor 2025 – Zusammenfassung
Internationale Energieagentur (IEA)
GECF Forum der Erdgas exportierenden Länder
GECF Gas Exporting Countries Forum
Das Jahr 2025 war ein weiteres entscheidendes für die globale Energiebranche, geprägt von einer Abkehr von der bisherigen Klimapolitik und einer Neubewertung der zuvor vorherrschenden klimapolitischen Maßnahmen. Insbesondere Erdgas gewann nach mehreren Jahren negativer Berichterstattung wieder an Glaubwürdigkeit als zuverlässige und nachhaltige Energiequelle und wurde zunehmend als eines der wirksamsten Mittel zur Deckung des schnell wachsenden globalen Energiebedarfs anerkannt. Dieser Politikwechsel zeigte sich auch in den Ergebnissen der 30. Konferenz der Vertragsparteien (COP30) der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC).
Sicherheit stärken: Der Zusammenhang zwischen NATO-Ausgaben und Energieversorgungssicherheit
Ein Positionspapier von Eurelectric
Editorial
Kristian Ruby
Secretary General
Eurelectric, Brüssel, Belgien
Warum Europa Strom als zentrales Element der Sicherheitsinfrastruktur behandeln muss
Liebe Leserinnen und Leser des vgbe energy journals,
Als im Januar große Teile Berlins ohne Strom waren, wurden Tausende Menschen plötzlich an eine grundlegende Tatsache erinnert: Strom ist keine beliebige Ware. Er ist das Rückgrat der modernen Gesellschaft. Verkehrssysteme kamen zum Erliegen. Die Telekommunikation wurde unterbrochen. Unternehmen mussten schließen. Das öffentliche Leben kam zum Stillstand.
Eine Erkenntnis ist dabei besonders entscheidend: In der heutigen geopolitischen Lage sind Stromversorgungssysteme strategische Einrichtungen und potenzielle Angriffsziele. Die dramatischen Folgen dieser neuen Realität sind in der Ukraine zu sehen. Seit fast drei Jahren ist dort die Strominfrastruktur systematischen und immer tiefgreifenderen Angriffen ausgesetzt. Diese zielen nicht nur darauf ab, Einrichtungen zu beschädigen, sondern auch die Gesellschaft zu destabilisieren und die Verteidigung zu schwächen.
Im Gegensatz zur Ukraine ist Europa nicht von Kriegsgefahren bedroht. Aber auch wir leben nicht in vollkommen friedlichen Zeiten. In einem neuen Bericht mit dem Titel „Battle-tested power systems” (Kriegserprobte Stromversorgungssysteme) hat Eurelectric untersucht, wie hybride Bedrohungen für die Energieinfrastruktur in der gesamten EU zunehmen. Unterbrechungen von Seekabeln in der Ostsee, Brandanschläge auf Energieanlagen, eskalierende Cyberangriffe und koordinierte Desinformationskampagnen gegen Versorgungsunternehmen sind keine Einzelfälle mehr. Sie sind Teil einer systematischen Einflussnahme auf kritische Infrastrukturen.
Gleichzeitig verschiebt sich die globale Energiegeopolitik. Energie wird dabei zunehmend als Instrument von Machtausübung und politischer Einflussnahme eingesetzt. Eine 30-jährige Phase der Weltgeschichte, in der stabile, absehbare Interdependenzen eine Selbstverständlichkeit waren, findet so ihr Ende.
Für Europa ergibt sich daraus eine zentrale Schlussfolgerung: Eigener Strom – zunehmend erneuerbar, diversifiziert und vernetzt – ist nicht nur ein Weg zur Dekarbonisierung. Er ist auch die Grundlage für langfristige Energiesicherheit. Mit der Elektrifizierung von Verkehr, Wärmeversorgung, Industrie und digitaler Infrastruktur wird es noch wichtiger, Ereignisse zu vermeiden, die sich auf andere Sektoren auswirken könnten. Europa braucht daher eine grundlegende Veränderung in der Vorsorge auf drei Ebenen.
Erstens auf Unternehmensebene. Versorgungsunternehmen müssen Sicherheit in ihre Kernstrategie und ihren Betrieb integrieren. Dazu gehören ein verbesserter physischer Schutz kritischer Anlagen, systematische Krisenübungen, verstärkte Cybersicherheitskapazitäten und die Bevorratung wichtiger Komponenten wie Transformatoren und Netzausrüstung. Auch kleinere Betreiber müssen wachsam sein, denn hybride Akteure nutzen jegliche Glieder in komplexen Systemen aus. Eine robuste Sicherheitskultur entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist unerlässlich.
Zweitens auf nationaler Ebene. Die Regulierung muss an die neue Sicherheitsrealität angepasst werden. Netzbetreiber können beispielsweise nur innerhalb regulierter Rahmenbedingungen investieren. Wenn wir von ihnen erwarten, dass sie Redundanzen aufbauen, strategische Ausrüstungsreserven vorhalten oder robuste Backup-Kommunikationssysteme einrichten, um nach einem großen Ausfall Schwarz-Start-Fähigkeit zu ermöglichen, müssen die Regulierungsbehörden solche Investitionen zulassen und vergüten. Sicherheit kann nicht als optionales Zusatzelement behandelt werden.
Drittens auf EU-Ebene. Die übergeordnete Strategie Europas zur Energiesicherheit stammt aus dem Jahr 2014. Seitdem haben sich jedoch der Energiemix, das geopolitische Umfeld und die technische Architektur des Systems grundlegend verändert. Zwar wurden wichtige Rechtsvorschriften verabschiedet – insbesondere im Bereich der Cybersicherheit –, doch benötigen wir eine umfassende, auf den Stromsektor ausgerichtete Überprüfung des europäischen Sicherheitsrahmens. Diese muss physische Bedrohungen, Cyberrisiken, die Resilienz der Lieferketten, Verteidigungsaspekte und die sektorübergreifende Koordinierung einbeziehen.
Auch die Cybersicherheit verdient Beachtung. Mit der Digitalisierung der Netze und der zunehmenden Vernetzung dezentraler Energiequellen vergrößert sich die Angriffsfläche. Künstliche Intelligenz verbessert zwar die Abwehrinstrumente, eröffnet aber auch neue Einfallstore für Angriffe. Die gleichen Datenströme, die eine bedarfsgerechte Steuerung ermöglichen und die Integration erneuerbarer Energien optimieren, müssen vor Eindringen geschützt werden. Die Balance zwischen digitaler Offenheit und robustem Schutz wird eine der entscheidenden Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts sein.
Die übergeordnete Botschaft von „Battle-tested power systems” ist eindeutig: Strom ist zu einem zentralen Bestandteil der europäischen Sicherheitsarchitektur geworden. Die Lehren aus der Ukraine zeigen sowohl das Ausmaß der Bedrohung als auch die Bedeutung von Resilienz, Reaktionsvermögen und Koordination. Der Stromausfall in Berlin macht deutlich, dass selbst in stabilen Demokratien plötzlich Störungen mit weitreichenden Auswirkungen auftreten können.
Energiesicherheit im Zeitalter der Elektrizität bedeutet, sich nicht nur auf Marktvolatilität, sondern auch auf vorsätzliche Störungen vorzubereiten. Es bedeutet, zu investieren, bevor eine Krise eintritt. Und es bedeutet, anzuerkennen, dass ein resilientes Stromsystem nicht mehr nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Es ist eine strategische Notwendigkeit.