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Ausgabe 4-2026

Drei Jahre Kraftwerkssicherungsgesetz – Zeit zu handeln!

Dr. Jens Reich

Die investiven Herausforderungen der Energiewende bleiben das zentrale Thema der deutschen Energiebranche. Spätestens seit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem gesetzlich beschleunigten Abschied von Kohlekraftwerken ist klar, dass es eine bedeutende Lücke bei steuerbaren Kraftwerkskapazitäten gibt: Schätzungen gehen von 20 bis 40 GW aus. Doch politische Unsicherheiten und fehlende finanzielle Anreize haben den dringend benötigten Neubau moderner, effizienter Kraftwerke jahrelang behindert.

Die Kraftwerksstrategie sollte hier Abhilfe schaffen – doch drei Jahre nach den ersten Debatten darüber stehen wir weiter vor einer signifikanten Kapazitätslücke am Ende der 2020er und Beginn der 2030er Jahre. Lange wurde auf nationaler und europäischer Ebene der tatsächliche Bedarf nach Kraftwerken schöngerechnet. Die Annahme, allein der Strom aus PV und Wind würden reichen, war dominant. Die Vorstellung, dass quasi automatisch zahlreiche Gaskraftwerke entstehen, erwies sich noch mit Veröffentlichung des Versorgungssicherheitsberichts der Bundesnetzagentur von 2023 als Illusion. Danach lag der politische Fokus zunächst einseitig auf Wasserstoffkraftwerken – ein Weg verbunden mit großen Herausforderungen.

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Der Blackout in Portugal/Spanien – Denkanstöße für Deutschland

Michael Fette und Hans-Peter Schwintowski

Am 28. April 2025 kam es im Netz des spanischen Übertragungsnetzbetreibers Red Eléctrica gegen 12:33 Uhr zu drei kurz aufeinanderfolgenden Leistungseinbrüchen im Gesamtumfang von 2,2 Gigawatt (GW) in Südspanien. Dadurch sank die Netzfrequenz von 50 Hertz auf nur noch 48 Hertz ab. Infolgedessen kam es zu weiteren, automatischen Lastabwürfen in Spanien und Portugal. Der massive Einbruch der Netzfrequenz hatte eine Kettenreaktion zufolge. Der Blackout gehört zu den schwerwiegendsten der vergangenen Jahre in Europa. Nach dem Blackout kursierten Spekulationen über die Ursachen. Die Grundfrage lautet, worin die Ursache des Blackouts in Spanien/Portugal lag. Die zweite Frage lautet, ob ein solcher Systemzusammenbruch in der Bundesrepublik Deutschland denkbar wäre und die daraus resultierende dritte Frage wäre, welche Handlungsoptionen bestehen, um Blackouts dieser Art vorzubeugen und zu vermeiden.

Bedeutung der Gasnetzinfrastruktur für die Versorgung von Kraftwerken und Industrie

Elisabeth Grube, Robert Manig und Stefan Gehrmann

Molekülbasierte Energieträger sind im Transformationsprozess des deutschen Energiesystems von herausragender Bedeutung. Die bestehende (Erdgas) und zukünftige (Wasserstoff)Gasnetzinfrastruktur ist für die Versorgung von Kraftwerken und industriellen Prozesswärmestandorten in Deutschland essenziell. Auf Basis eines standortscharfen Datensatzes wurden über 70.000 Kraftwerksanlagen mit einer installierten elektrischen Gesamtleistung von rund 82 GW analysiert. Für die Industrie wurden 5.600 Standorte mit einem gasbasierten Prozesswärmebedarf von 192 TWh identifiziert. Die Ergebnisse belegen, dass sowohl für die Energieversorgung als auch Prozesswärmebereitstellung die Gasverteilnetze – perspektivisch als H2-Verteilnetze – eine zentrale Rolle für Versorgungssicherheit, industrielle Wertschöpfung und eine flächendeckende Dekarbonisierung spielen.

Die zentrale Rolle von Turbomaschinen für eine erfolgreiche Energiewende

Giuseppe Tilocca

Europas Energiesystem befindet sich in einem raschen Wandel hin zu hohen Anteilen variabler erneuerbarer Energien, während die Elektrifizierung die Nachfrage erhöht und die Anforderungen an Versorgungssicherheit und Systemsteuerbarkeit verschärft. In diesem Zusammenhang werden Turbomaschinen, insbesondere Gasturbinen (GT), zunehmend für ihre Flexibilität und ihre Systemdienstleistungen geschätzt – selbst unter den wachsenden Einschränkungen der Dekarbonisierung. Dieses Papier untersucht die Rolle von Gasturbinen für eine erfolgreiche Energiewende anhand von drei Fragen: Besteht weiterhin ein Bedarf an GT, wie sollte die Politik auf diesen Bedarf reagieren, und wie können Betreiber ihre GT dekarbonisieren?

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Lebensdauerverlängerung von Gas- und Dampfkraftwerken in Wien: Herausforderungen und Strategien in Instandhaltung und Betrieb

Mariia Mironova and Tom Popov

Wiens Fernwärme- und Stromversorgung stützt sich hauptsächlich auf drei große GuD Kraftwerke (Gas- und Dampfkraftwerke), die von Wien Energie betrieben werden. Jedes von ihnen spielt eine entscheidende Rolle für die Sicherstellung der Systemstabilität während der laufenden Transformation des Energiesektors. Während Wien auf Klimaneutralität bis 2040 zusteuert, müssen diese Anlagen noch mindestens ein weiteres Jahrzehnt betriebsfähig, zuverlässig und sicher bleiben, während sich erneuerbare Technologien und neue Wärmequellen weiter ausbauen. Dieser Artikel präsentiert die Methodik, die technischen Erkenntnisse und die strategischen Entscheidungsprozesse hinter dem Life Time Extension Programm (LTE) der Wien Energie GmbH, mit besonderem Fokus auf die älteste Einheit des Kraftwerksparks, Simmering 3 (SIM3).

Schadenerfahrungen an Schmierstoffsystemen in Gasturbinen

Bernhard Persigehl

Dieser Fachbeitrag stellt verschiedene Varianten von Schmierstoffsystemen in Gas- und Dampfturbinen vor. Hierbei werden die Vor- und Nachteile der einzelnen Konzepte diskutiert, wie beispielsweise den Ort, an dem die Notschmierölpumpe in das System einspeist. Es wird auf die Wichtigkeit der Notschmierölpumpe und deren Antrieb im Notfall eingegangen. Beleuchtet werden drei verschiedene Schadensfälle: Betriebsfehler, Fehlfunktion eines Ventils und Eintritt von Kühlmittel in den Schmierölkreislauf

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Der Axialverdichter: Die Schlüsselkomponente der ersten Kraftwerks-Gasturbinen

Dietrich Eckardt

Die Anfänge früher Turbomaschinen reichen bis in das 15. Jahrhundert zurück. Die grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Grenzschichttheorie (L. Prandtl 1904) erhöhten das Verständnis der verzögerten Verdichterströmung mit Druckaufbau. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Schritt für Schritt die Grundlagen einer erfolgreichen Entwurfsmethodik in der Schweiz, in England und Deutschland entwickelt. Eine der ersten erfolgreichen kommerziellen Anwendungen war der bei BBC Baden, Schweiz unter Leitung von Claude Seippel ausgelegt und gebaute 13-stufige Axialverdichter für die weltweit erste Überschall-Windkanalanlage. Nach einigen weiteren Zwischenschritten lagen dann 1939 bei Brown Boveri ausreichend gesicherte Erfahrungen für den Bau der ersten 4 MW Kraftwerks-Gasturbine vor, – nach heutiger Terminologie ein Backup-Kraftwerk.

Besondere Anforderungen an das Risiko- und Versicherungsmanagement: Neubauprojekte und neue Technologien

Michael Härig

Neubauprojekte und neue Technologien stellen ganz besondere Anforderungen an das Risiko- und Versicherungsmanagement. Für eine optimale und wirtschaftliche Risikoabsicherung ist eine durchgehende, einheitliche Risikophilosophie erforderlich. Die Erfahrung zeigt, dass sich die für das Projekt Verantwortlichen bereits in einem frühen Projektstadium – möglichst bevor Verträge mit Liefer- und Errichtungsfirmen abgeschlossen werden – mit diesen Fragen auseinandersetzen und eindeutige Regeln für das Projekt aufstellen sollten. Neben der Transparenz über die Risiken entsteht so auch die Grundlage für eine gute Versicherbarkeit in der späteren Betriebsphase.

Ausführungsvarianten von mit Abfall befeuerten Blockheizkraftwerken zur Verbesserung der Dampfparameter

Thomas Allgurén und Klas Andersson

Es wird prognostiziert, dass die Nutzung aschehaltiger Brennstoffe in naher Zukunft zunehmen wird, um fossile Brennstoffe zu ersetzen und so eine Reduzierung der CO2-Emissionen sowie die Förderung einer Kreislaufwirtschaft zu erreichen. In dieser Arbeit wird das Potenzial zur Steigerung des elektrischen Wirkungsgrads in mit Biomasse und Abfall befeuerten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) analysiert. Verschiedene Anlagenkonfigurationen und Betriebsstrategien wurden mithilfe eines thermodynamischen Modellierungstools untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass durch den Einsatz von Dampfüberhitzung eine erhebliche Steigerung des elektrischen Wirkungsgrads erzielt werden kann, ohne die Dampftemperatur zu erhöhen. Eine noch größere Steigerung lässt sich durch die Verbrennung eines Sekundärbrennstoffs in einem separaten Kessel erreichen.

Hybridparks: Wind und PV am gemeinsamen Netzanschlusspunkt

Michael Lange

Hybridparks mit Windenergieanlagen, Photovoltaik und optional Batteriespeichern nutzen bestehende Netzanschlüsse besser aus und verbreitern Einspeiseprofile. Der Mehrwert entsteht jedoch nicht einfach durch das Addieren installierter Leistung, sondern erfordert eine saubere Systemauslegung am gemeinsamen Netzverknüpfungspunkt. Besonders im Bestand können limitierende Betriebsmittel den Ausbau prägen. Hinzu kommen standortabhängige Effekte wie Eiswurf- und Verschattungseinflüsse auf PV-Module. Der Beitrag beschreibt, wie unabhängige Prüfungen hybride Risiken früh adressieren.

Weiterentwicklung von Agentic AI zur Verbesserung der Cybersecurity in der Leit- und Steuerungstechnik von Windparks

Stefan Loubichi

Die exponentiell steigende Vernetzung wind­energetischer Anlagen im Kontext der Energiewende kollidiert mit der wachsenden Bedrohungslage durch hochadaptive Cyberangriffe. Dieser Beitrag entwickelt ein formal-rigoroses Framework zur Integration der Huxley-Gödel Machine in Agentic-Artificial-Intelligence-Systeme für die Leittechnik von Windparks. Die regulatorische Analyse unter dem AI Act, NIS-2 und Cyber Resilience Act zeigt, dass das HGM-Framework nicht nur konformitätsfähig ist, sondern durch seine inhärente Auditierbarkeit normative Anforderungen sogar übererfüllt. Das Papier schließt mit einer Komplexitätsanalyse des Beweisverfahrens und identifiziert Beweiszeit-Latenz als zentrale Forschungsressource.

Kleinskaliges LNG erweitert den weltweiten Zugang zu Energie durch dezentrale Logistik

GECF Gas Exporting Countries Forum

Die globale Energielandschaft durchläuft einen strukturellen Wandel hin zu einer dezentralen Verteilung, angetrieben durch die wirtschaftlichen und logistischen Grenzen traditioneller, groß angelegter Pipelinenetze und den zunehmenden Druck zur Dekarbonisierung. Dieser Wandel wird durch kleine und kleinste LNG-Lösungen erleichtert, die eine flexible Alternative für die Produktion, den Transport und die Nutzung von Erdgas bieten.

Editorial

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Dr. Jens Reich

Leiter Standortentwicklung
STEAG Power GmbH
Mitglied des Vorstands des vgbe energy e.V.

Drei Jahre Kraftwerkssicherungsgesetz – Zeit zu handeln!

Liebe Leserinnen und Leser,

die investiven Herausforderungen der Energiewende bleiben das zentrale Thema der deutschen Energiebranche. Spätestens seit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem gesetzlich beschleunigten Abschied von Kohlekraftwerken ist klar, dass es eine bedeutende Lücke bei steuerbaren Kraftwerkskapazitäten gibt: Schätzungen gehen von 20 bis 40 GW aus. Doch politische Unsicherheiten und fehlende finanzielle Anreize haben den dringend benötigten Neubau moderner, effizienter Kraftwerke jahrelang behindert.

Die Kraftwerksstrategie sollte hier Abhilfe schaffen – doch drei Jahre nach den ersten Debatten darüber stehen wir weiter vor einer signifikanten Kapazitätslücke am Ende der 2020er und Beginn der 2030er Jahre. Lange wurde auf nationaler und europäischer Ebene der tatsächliche Bedarf nach Kraftwerken schöngerechnet. Die Annahme, allein der Strom aus PV und Wind würden reichen, war dominant. Die Vorstellung, dass quasi automatisch zahlreiche Gaskraftwerke entstehen, erwies sich noch mit Veröffentlichung des Versorgungssicherheitsberichts der Bundesnetzagentur von 2023 als Illusion. Danach lag der politische Fokus zunächst einseitig auf Wasserstoffkraftwerken – ein Weg verbunden mit großen Herausforderungen.

Erst mit dem Versorgungssicherheitsbericht von 2025 und dem Druck der neuen Bundesregierung öffnete sich die Tür zu einem faktisch vorgezogenen Kapazitätsmarkt: Endlich konnte Deutschland auch in Brüssel signalisieren, dass ein realitätsnaher Mechanismus gestaltet würde – mit Gaskraftwerken und dem Ziel, ab 2032 einen umfassenden Kapazitätsmarkt zu etablieren. Doch die Zeit drängt und auch jetzt hat der Neubau von disponiblen und auf Dauerbetrieb ausgelegten Erzeugungskapazitäten noch einige Hürden zu nehmen.

Kraftwerksentwickler in Deutschland haben sich längst vorbereitet: Es gibt zahlreiche, technisch ausgereifte Projekte; viele sind bereits in Genehmigungsverfahren. Verträge mit Lieferanten wurden ausgehandelt, und nicht zuletzt wurden zweistellige Millionenbeträge pro Projekt auf eigenes Risiko investiert – unter anderem für Netz- und Gaskapazitätsreservierungen. Die bis 2031 laufenden “T-5”-Ausschreibungen setzen ein knappes, aber noch erreichbares Zeitfenster. Doch weitere Verzögerungen gefährden die Zukunft der Projekte. Im globalen Markt für große Gasturbinen spielt Deutschland mittlerweile eine fast vernachlässigbare Rolle: Die Musik spielt in den USA, in Asien und in den Golfstaaten. Verzögerungen und Sonderwünsche, etwa bei Systemdienstleistungen, schwächen die deutsche Position bei den Herstellern weiter. Hier muss Klarheit geschaffen werden: Planungs- und Investitionssicherheit ist das oberste Gebot.

Die Anforderungen an die H2-Readiness an effiziente Gaskraftwerke in den Entwürfen der letzten Bundesregierung waren aus Investorensicht nicht umsetzbar. Wann können große Gasturbinen zu 100 % auf Wasserstoff umgerüstet werden? Was kostet das? Steht genügend Wasserstoff zur Verfügung? Alle diese Fragen konnten und können nicht beantwortet werden. Der Kurswechsel der neuen Bundesregierung auf Ausschreibungen zum Wechsel auf Wasserstoff ist der richtige Weg. So wird man technische Lösungen finden.

Systemdienstleistungen wie Momentanreserve, Blindleistungsbereitstellung oder Spannungshaltung sind notwendig, um Netze stabil zu halten – hier bestehen keine Zweifel. Doch nationale Sonderanforderungen an neue Anlagen verteuern und bremsen die Umsetzung. Die Betreiber brauchen klare Spielregeln; eine Flut von Verordnungsermächtigungen oder vage technische Forderungen erschweren Investitionen und gefährden die Netzstabilität. Zur technischen Umsetzbarkeit von Systemdienstleistungen gibt es eine klare Position der Kraftwerksbetreiber, etwa hinsichtlich der Leistungsgrenze für Kupplungen von Phasenschiebern an Turbinensträngen von ca. 350 MW(el) und der technisch vertretbaren Abschaltbedingungen bei Frequenzänderungen (Stichwort „RoCoF“).

Hier ist die neutrale Plattform des vgbe für die unabhängige Meinungsbildung einerseits und das gebündelte Gegengewicht zu den Übertragungsnetzbetreibern andererseits sehr wichtig. Die Herausforderungen in unserem elektrischen Netz sind immens, und ein gezielter Infrastrukturausbau ist erforderlich. Genau hier sollte der Fokus liegen – nicht auf innovationshemmenden Vorschriften für einzelne Erzeugungseinheiten.

Viele Kraftwerksprojekte sind startklar. Die Betreiber sind bereit, zu investieren. Sie brauchen aber verlässliche Marktrahmen und Planungssicherheit. Das Kraftwerkssicherheitsgesetz ist eine große Chance: Die Energiewende gelingt nur mit steuerbaren Kraftwerken und einem funktionierenden Marktdesign. Es ist Zeit, das politische Versprechen einzulösen, Planungssicherheit zu schaffen – und Deutschland wieder zum Vorreiter für innovative, klimafreundliche Kraftwerke zu machen.