Drei Jahre Kraftwerkssicherungsgesetz – Zeit zu handeln!
Dr. Jens Reich
Die investiven Herausforderungen der Energiewende bleiben das zentrale Thema der deutschen Energiebranche. Spätestens seit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem gesetzlich beschleunigten Abschied von Kohlekraftwerken ist klar, dass es eine bedeutende Lücke bei steuerbaren Kraftwerkskapazitäten gibt: Schätzungen gehen von 20 bis 40 GW aus. Doch politische Unsicherheiten und fehlende finanzielle Anreize haben den dringend benötigten Neubau moderner, effizienter Kraftwerke jahrelang behindert.
Die Kraftwerksstrategie sollte hier Abhilfe schaffen – doch drei Jahre nach den ersten Debatten darüber stehen wir weiter vor einer signifikanten Kapazitätslücke am Ende der 2020er und Beginn der 2030er Jahre. Lange wurde auf nationaler und europäischer Ebene der tatsächliche Bedarf nach Kraftwerken schöngerechnet. Die Annahme, allein der Strom aus PV und Wind würden reichen, war dominant. Die Vorstellung, dass quasi automatisch zahlreiche Gaskraftwerke entstehen, erwies sich noch mit Veröffentlichung des Versorgungssicherheitsberichts der Bundesnetzagentur von 2023 als Illusion. Danach lag der politische Fokus zunächst einseitig auf Wasserstoffkraftwerken – ein Weg verbunden mit großen Herausforderungen.
Der Blackout in Portugal/Spanien – Denkanstöße für Deutschland
Michael Fette und Hans-Peter Schwintowski
Bedeutung der Gasnetzinfrastruktur für die Versorgung von Kraftwerken und Industrie
Elisabeth Grube, Robert Manig und Stefan Gehrmann
Die zentrale Rolle von Turbomaschinen für eine erfolgreiche Energiewende
Giuseppe Tilocca
Europas Energiesystem befindet sich in einem raschen Wandel hin zu hohen Anteilen variabler erneuerbarer Energien, während die Elektrifizierung die Nachfrage erhöht und die Anforderungen an Versorgungssicherheit und Systemsteuerbarkeit verschärft. In diesem Zusammenhang werden Turbomaschinen, insbesondere Gasturbinen (GT), zunehmend für ihre Flexibilität und ihre Systemdienstleistungen geschätzt – selbst unter den wachsenden Einschränkungen der Dekarbonisierung. Dieses Papier untersucht die Rolle von Gasturbinen für eine erfolgreiche Energiewende anhand von drei Fragen: Besteht weiterhin ein Bedarf an GT, wie sollte die Politik auf diesen Bedarf reagieren, und wie können Betreiber ihre GT dekarbonisieren?
Lebensdauerverlängerung von Gas- und Dampfkraftwerken in Wien: Herausforderungen und Strategien in Instandhaltung und Betrieb
Mariia Mironova and Tom Popov
Schadenerfahrungen an Schmierstoffsystemen in Gasturbinen
Bernhard Persigehl
Dieser Fachbeitrag stellt verschiedene Varianten von Schmierstoffsystemen in Gas- und Dampfturbinen vor. Hierbei werden die Vor- und Nachteile der einzelnen Konzepte diskutiert, wie beispielsweise den Ort, an dem die Notschmierölpumpe in das System einspeist. Es wird auf die Wichtigkeit der Notschmierölpumpe und deren Antrieb im Notfall eingegangen. Beleuchtet werden drei verschiedene Schadensfälle: Betriebsfehler, Fehlfunktion eines Ventils und Eintritt von Kühlmittel in den Schmierölkreislauf
Der Axialverdichter: Die Schlüsselkomponente der ersten Kraftwerks-Gasturbinen
Dietrich Eckardt
Besondere Anforderungen an das Risiko- und Versicherungsmanagement: Neubauprojekte und neue Technologien
Michael Härig
Ausführungsvarianten von mit Abfall befeuerten Blockheizkraftwerken zur Verbesserung der Dampfparameter
Thomas Allgurén und Klas Andersson
Hybridparks: Wind und PV am gemeinsamen Netzanschlusspunkt
Michael Lange
Weiterentwicklung von Agentic AI zur Verbesserung der Cybersecurity in der Leit- und Steuerungstechnik von Windparks
Stefan Loubichi
Kleinskaliges LNG erweitert den weltweiten Zugang zu Energie durch dezentrale Logistik
GECF Gas Exporting Countries Forum
Editorial
Dr. Jens Reich
Leiter Standortentwicklung
STEAG Power GmbH
Mitglied des Vorstands des vgbe energy e.V.
Drei Jahre Kraftwerkssicherungsgesetz – Zeit zu handeln!
Liebe Leserinnen und Leser,
die investiven Herausforderungen der Energiewende bleiben das zentrale Thema der deutschen Energiebranche. Spätestens seit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem gesetzlich beschleunigten Abschied von Kohlekraftwerken ist klar, dass es eine bedeutende Lücke bei steuerbaren Kraftwerkskapazitäten gibt: Schätzungen gehen von 20 bis 40 GW aus. Doch politische Unsicherheiten und fehlende finanzielle Anreize haben den dringend benötigten Neubau moderner, effizienter Kraftwerke jahrelang behindert.
Die Kraftwerksstrategie sollte hier Abhilfe schaffen – doch drei Jahre nach den ersten Debatten darüber stehen wir weiter vor einer signifikanten Kapazitätslücke am Ende der 2020er und Beginn der 2030er Jahre. Lange wurde auf nationaler und europäischer Ebene der tatsächliche Bedarf nach Kraftwerken schöngerechnet. Die Annahme, allein der Strom aus PV und Wind würden reichen, war dominant. Die Vorstellung, dass quasi automatisch zahlreiche Gaskraftwerke entstehen, erwies sich noch mit Veröffentlichung des Versorgungssicherheitsberichts der Bundesnetzagentur von 2023 als Illusion. Danach lag der politische Fokus zunächst einseitig auf Wasserstoffkraftwerken – ein Weg verbunden mit großen Herausforderungen.
Erst mit dem Versorgungssicherheitsbericht von 2025 und dem Druck der neuen Bundesregierung öffnete sich die Tür zu einem faktisch vorgezogenen Kapazitätsmarkt: Endlich konnte Deutschland auch in Brüssel signalisieren, dass ein realitätsnaher Mechanismus gestaltet würde – mit Gaskraftwerken und dem Ziel, ab 2032 einen umfassenden Kapazitätsmarkt zu etablieren. Doch die Zeit drängt und auch jetzt hat der Neubau von disponiblen und auf Dauerbetrieb ausgelegten Erzeugungskapazitäten noch einige Hürden zu nehmen.
Kraftwerksentwickler in Deutschland haben sich längst vorbereitet: Es gibt zahlreiche, technisch ausgereifte Projekte; viele sind bereits in Genehmigungsverfahren. Verträge mit Lieferanten wurden ausgehandelt, und nicht zuletzt wurden zweistellige Millionenbeträge pro Projekt auf eigenes Risiko investiert – unter anderem für Netz- und Gaskapazitätsreservierungen. Die bis 2031 laufenden “T-5”-Ausschreibungen setzen ein knappes, aber noch erreichbares Zeitfenster. Doch weitere Verzögerungen gefährden die Zukunft der Projekte. Im globalen Markt für große Gasturbinen spielt Deutschland mittlerweile eine fast vernachlässigbare Rolle: Die Musik spielt in den USA, in Asien und in den Golfstaaten. Verzögerungen und Sonderwünsche, etwa bei Systemdienstleistungen, schwächen die deutsche Position bei den Herstellern weiter. Hier muss Klarheit geschaffen werden: Planungs- und Investitionssicherheit ist das oberste Gebot.
Die Anforderungen an die H2-Readiness an effiziente Gaskraftwerke in den Entwürfen der letzten Bundesregierung waren aus Investorensicht nicht umsetzbar. Wann können große Gasturbinen zu 100 % auf Wasserstoff umgerüstet werden? Was kostet das? Steht genügend Wasserstoff zur Verfügung? Alle diese Fragen konnten und können nicht beantwortet werden. Der Kurswechsel der neuen Bundesregierung auf Ausschreibungen zum Wechsel auf Wasserstoff ist der richtige Weg. So wird man technische Lösungen finden.
Systemdienstleistungen wie Momentanreserve, Blindleistungsbereitstellung oder Spannungshaltung sind notwendig, um Netze stabil zu halten – hier bestehen keine Zweifel. Doch nationale Sonderanforderungen an neue Anlagen verteuern und bremsen die Umsetzung. Die Betreiber brauchen klare Spielregeln; eine Flut von Verordnungsermächtigungen oder vage technische Forderungen erschweren Investitionen und gefährden die Netzstabilität. Zur technischen Umsetzbarkeit von Systemdienstleistungen gibt es eine klare Position der Kraftwerksbetreiber, etwa hinsichtlich der Leistungsgrenze für Kupplungen von Phasenschiebern an Turbinensträngen von ca. 350 MW(el) und der technisch vertretbaren Abschaltbedingungen bei Frequenzänderungen (Stichwort „RoCoF“).
Hier ist die neutrale Plattform des vgbe für die unabhängige Meinungsbildung einerseits und das gebündelte Gegengewicht zu den Übertragungsnetzbetreibern andererseits sehr wichtig. Die Herausforderungen in unserem elektrischen Netz sind immens, und ein gezielter Infrastrukturausbau ist erforderlich. Genau hier sollte der Fokus liegen – nicht auf innovationshemmenden Vorschriften für einzelne Erzeugungseinheiten.
Viele Kraftwerksprojekte sind startklar. Die Betreiber sind bereit, zu investieren. Sie brauchen aber verlässliche Marktrahmen und Planungssicherheit. Das Kraftwerkssicherheitsgesetz ist eine große Chance: Die Energiewende gelingt nur mit steuerbaren Kraftwerken und einem funktionierenden Marktdesign. Es ist Zeit, das politische Versprechen einzulösen, Planungssicherheit zu schaffen – und Deutschland wieder zum Vorreiter für innovative, klimafreundliche Kraftwerke zu machen.