Der vgbe Innovation Award wird bereits seit 1981 von der vgbe-FORSCHUNGSSTIFTUNG vergeben. Er würdigt bahnbrechende Ideen, innovative Lösungen sowie die Arbeit junger Talente in Forschung und Entwicklung. Die Auszeichnung richtet sich ausdrücklich an ambitionierte Nachwuchskräfte am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn. Der Hintergrund ist auch der zunehmende Fachkräftemangel und der demografische Wandel: Die Förderung junger Wissenschaftler und Ingenieure wird als strategische Investition in die Zukunft der Energiebranche verstanden.
Innovation Awards
2026 war eine Besonderheit vorgesehen: Aufgrund des hohen Niveaus der eingereichten Arbeiten hat das Kuratorium der vgbe-FORSCHUNGSSTIFTUNG beschlossen, insgesamt vier Preisträger auszuzeichnen. Alle vier erhalten den Innovation Award sowie jeweils ein Preisgeld. Die Arbeiten decken unterschiedliche technische Herausforderungen der Energiebranche ab – von Hochtemperaturkorrosion und Verbrennung über Wasserstoff und Werkstoffprüfung bis hin zur Flexibilisierung von Biomasse- und Abfallkraftwerken.
Viktor Andersson verfügt bereits über eine ausgeprägte wissenschaftliche Qualifikation. Er besitzt einen Master of Science in „Innovative and Sustainable Chemical Engineering“ von der Chalmers University of Technology und anschließend einen PhD in Science mit Spezialisierung auf Chemie von der University of Gothenburg. Heute arbeitet er als Postdoctoral Researcher an der Chalmers University of Technology in Göteborg. Andersson ist damit bereits promovierter Wissenschaftler und forscht nach seiner Promotion weiter auf akademischer Ebene. Ausgezeichnet wird seine Arbeit „Real time alkali speciation“, die der Kategorie „Future-Oriented“ zugeordnet wird. Inhaltlich beschäftigt sich Andersson mit Alkalimetallen und ihrer chemischen Form bei Hochtemperaturprozessen. Insbesondere bei der Verbrennung von Biomasse spielen beispielsweise Natrium und Kalium eine wichtige Rolle. Unter den hohen Temperaturen thermischer Energieanlagen können solche Stoffe chemische Reaktionen auslösen, die unter anderem zur Hochtemperaturkorrosion beitragen können.
Auch Elias Ehlmé kommt aus dem Bereich der Chemieingenieurwissenschaften. Er besitzt einen Master of Science in Chemical Engineering von der Chalmers University und ist derzeit als PhD Student an der Chalmers University of Technology tätig. Sein Schwerpunkt innerhalb der Promotion liegt auf der thermischen Strahlung, also der „Thermal Radiation“. Seine ausgezeichnete Arbeit trägt den Titel „Advanced radiative heat transfer models for combustion processes in thermal engineering systems“ und wird der Kategorie „Application-Oriented“ zugeordnet. Vereinfacht geht es darum, wie Wärme in Verbrennungsprozessen übertragen wird und wie dieser Vorgang in Computersimulationen möglichst realistisch dargestellt werden kann. Bei komplexen Flammen befinden sich unterschiedliche Gase bei sehr hohen Temperaturen, die Wärmestrahlung absorbieren und emittieren können. Für die Simulation solcher Vorgänge gibt es verschiedene Gas-Strahlungsmodelle. Ehlmés Forschung liefert Vorschläge dafür, welche Modelle für bestimmte komplexe Flammensimulationen geeignet sind. Damit soll die Auswahl geeigneter Modelle verbessert werden, sodass technische Verbrennungsprozesse präziser untersucht und simuliert werden können.
Stephan Elsen-Humberg bringt eine andere Perspektive in die Gruppe der Preisträger ein. Er absolvierte seinen Master of Science in Mechanical Engineering an der RWTH Aachen und arbeitet heute als Materials Engineer bei RWE Power AG. Ausgezeichnet wird seine Arbeit „Tensile testing in high pressure gaseous hydrogen using the tubular specimen method“, die ebenfalls der Kategorie „Future-Oriented“ zugeordnet wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich metallische Werkstoffe unter der Einwirkung von gasförmigem Wasserstoff bei hohem Druck verhalten. Elsen-Humbergs Ansatz verwendet stattdessen eine spezielle rohrförmige Probengeometrie, die sogenannte „tubular specimen method“. Dadurch lässt sich der Versuch mit nur einem Bruchteil der Wasserstoffmenge durchführen, die beim traditionellen Autoklav-Verfahren erforderlich ist. Das reduziert nicht nur den Wasserstoffbedarf, sondern auch die mit der technischen Sicherheit verbundenen Kosten. Die Innovation liegt somit weniger in einem völlig neuen Werkstoff als in einem verbesserten Verfahren, mit dem Werkstoffe für Wasserstoffanwendungen untersucht werden können. Gerade angesichts des Ausbaus der Wasserstoffwirtschaft sind solche Prüfverfahren wichtig, um Materialien zuverlässig zu qualifizieren und gleichzeitig den Aufwand und die Kosten der Untersuchungen zu reduzieren.
Johannes Lips verfügt über einen besonders internationalen und interdisziplinären akademischen Hintergrund. Er hat einen Bachelor of Science in Electromechanical Engineering an der Ghent University in Belgien erworben. Anschließend absolvierte er einen European Master of Science in Nuclear Fusion and Engineering Physics an der University of Stuttgart in Deutschland und der University of Lorraine in Frankreich. Heute ist er PhD Candidate im Bereich Energy Technology an der University of Stuttgart. Seine ausgezeichnete Arbeit trägt den Titel „Assessing and improving the operational flexibility of grate-fired cogeneration power plants“ und wird als „Application-Oriented“ ausgezeichnet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie rostbefeuerte Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen flexibler betrieben werden können.
Die vier Preisträger stehen für unterschiedliche Zukunftsthemen
Die vier Innovation-Award-Arbeiten beschäftigen sich somit mit sehr unterschiedlichen technischen Problemen. Viktor Andersson kommt aus der Chemie und untersucht Alkalimetalle und ihre Bedeutung für Hochtemperaturprozesse und Korrosion. Elias Ehlmé beschäftigt sich mit physikalischen Modellen für Wärmestrahlung und Verbrennung. Stephan Elsen-Humberg arbeitet an einem effizienteren Verfahren zur Prüfung metallischer Werkstoffe unter Hochdruck-Wasserstoff. Johannes Lips untersucht, wie Biomasse- und Abfallkraftwerke flexibler betrieben werden können.
Safety & Health Award – Sicherheit als Teil des Arbeitsalltags
Der Safety & Health Award unterscheidet sich vom Innovation Award. Hier wird nicht die wissenschaftliche Arbeit eines einzelnen Nachwuchsforschers ausgezeichnet, sondern ein konkretes Sicherheitsprojekt eines Teams. 2026 geht die Auszeichnung an die EDP Gestão da Produção, S.A. beziehungsweise an das EDP FlexGen Safety Team, vertreten durch Joana Godinho Kundel dos Santos.
Der vgbe Safety & Health Award legt den Schwerpunkt auf Sicherheit und Gesundheit bei der Erzeugung und Speicherung von Strom und Wärme. Bewertet werden unter anderem außergewöhnliches Engagement für Safety & Health Compliance und Prävention, nachgewiesene Exzellenz, der innovative Charakter eines Projekts sowie dessen Übertragbarkeit und Skalierbarkeit. Auch die tatsächliche Wirksamkeit der Maßnahmen am jeweiligen Standort spielt eine Rolle. Der erste vgbe Safety & Health Award wurde 2012 anlässlich des Kongresses in Mannheim vergeben.
Ausgezeichnet wird 2026 das sogenannte „PlayitSafe Card Deck“, auch als „Safety Dialogue Deck“ bezeichnet. Dahinter steckt eine bewusst einfache, physische und zweisprachige Lösung: ein Kartenset in Portugiesisch und Spanisch, das Sicherheitsgespräche direkt in den normalen Arbeitsablauf integriert. Die Karten werden beispielsweise bei Toolbox Talks, regulären Teammeetings oder Sicherheitsrundgängen von Führungskräften eingesetzt. Jede Karte enthält einen kurzen Impuls und eine offene Frage. Mitarbeiter sollen dadurch über konkrete Risiken, Beinaheunfälle, Sicherheitsbeobachtungen und sicheres Verhalten sprechen.
Der entscheidende Gedanke ist, dass die Karten keine fertigen Antworten vorgeben. Sie sollen vielmehr Gespräche auslösen. Sicherheitsbewusstsein wird damit nicht ausschließlich in formellen Schulungen vermittelt, sondern soll Bestandteil der täglichen Arbeit werden. Besonders wichtig ist dabei der Peer-to-Peer-Ansatz: Beschäftigte sollen miteinander über Sicherheitsrisiken und Erfahrungen sprechen und voneinander lernen.
Das Projekt ist deshalb ein interessantes Beispiel dafür, dass eine Innovation nicht zwingend technologisch kompliziert sein muss. Das Safety-Team setzt auf ein sehr niedrigschwelliges Instrument, das sich leicht in bestehende Arbeitsabläufe integrieren lässt.
Der Award hebt insbesondere die Fähigkeit des Kartensets hervor, Gespräche über Beinaheunfälle und Sicherheitsbeobachtungen anzuregen und damit Sicherheitsbewusstsein im Alltag zu verankern.


