Skip to content

Review vgbe Congress 2026 – Resilienz im Zentrum der Energieversorgung | mehr

„Security and resilience of power generation“ – kaum ein Motto hätte für den vgbe Congress 2026 aktueller gewählt werden können.
Im Berliner Steigenberger Hotel, unmittelbar am Kanzleramt, trafen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Energiewirtschaft, Forschung, Industrie und Sicherheitsorganisationen, um über die Zukunft der Energieversorgung zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand dabei eine Frage, die längst über technische Versorgungssicherheit hinausgeht: Wie resilient muss unsere Energieinfrastruktur in einer zunehmend unsicheren Welt sein? Der Congress zeigte eindrucksvoll, dass Resilienz heute nicht mehr allein bedeutet, genügend Kraftwerksleistung, Netze und Reserven vorzuhalten. Cyberangriffe, Sabotage, hybride Bedrohungen, geopolitische Konflikte, Lieferkettenprobleme und der Schutz kritischer Infrastruktur gehören inzwischen ebenso zur Realität der Energiebranche. Bereits im Januar 2026 führte ein Brandanschlag auf die Berliner Strominfrastruktur zu einem großflächigen Stromausfall. Der physische Schutz der Berliner Energieanlagen wurde daraufhin deutlich verstärkt. Im September folgten mutmaßliche Sabotageakte an Strominfrastruktur in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Bei Jänschwalde und Bergheim hatte der Tatverdächtige Daniel V. Hochspannungsleitungen angegriffen; als viele der Congressteilnehmer am 8. September ihre Anreise nach Berlin antraten, konnte der Verdächtige schließlich nach großangelegter Fahndung nahe des Kraftwerks Weisweiler festgesetzt werden.

Energieversorgung als kritischer Punkt der Sicherheitsarchitektur

In seiner Eröffnungsrede machte Dr. Georg Stamatelopoulos, Vorstandsvorsitzender von vgbe energy und CEO von EnBW, deutlich, dass im ver­gangenen Halbjahr rund 57 Prozent der Strom­er­zeugung aus erneuerbaren Energien stammten. Gleichzeitig müsse das System auch in Phasen geringer erneuerbarer Erzeugung stabil bleiben. Batteriespeicher können kurzfristig wertvolle Bei­träge leisten, benötigen aber für längere Zeiträume Unterstützung durch andere flexible und gesicherte Kapazitäten. Damit rückt insbesondere die Frage nach neuen Gaskraftwerken und einer pers­pek­ti­vi­schen Nutzung von Wasserstoff in den Mittelpunkt.
Dr. Georg Stamatelopoulos, vgbe-Vorstandsvorsitzenden

Zwar bleiben, laut Stamatelopoulos, ausreichende gesicherte Erzeugungskapazitäten, flexible Kraft­werke, Speicher und ein leistungsfähiges Netz unverzichtbar. Doch die Widerstandsfähigkeit des Energiesystems muss weitergedacht werden: Was passiert bei Cyberangriffen, Sabotage, physischen Angriffen oder gleichzeitig auftretenden Krisen?

Besonders eindrucksvoll war deshalb die Beteiligung der Bundeswehr am diesjährigen vgbe Congress. Mit Prof. Dr. Rafaela Kraus von der Universität der Bundeswehr München, Oberst i.G. Armin Schaus vom Operativen Führungskommando der Bundeswehr und weiteren Experten wurde die Perspektive der Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur unmittelbar in die Diskussion der Energiewirtschaft eingebracht. Damit wurde deutlich: Energieinfrastruktur ist längst ein sicherheitspolitisches Thema.

Einen besonderen Akzent setzte die Keynote von Prof. Dr. Rafaela Kraus mit dem Titel „Rethinking resilience: How the threat landscape has changed and what matters now for the energy industry.“ Gemeinsam mit Vertretern der Bundeswehr, der Energiewirtschaft und von vgbe diskutierte sie anschließend im Panel, wie sich das Bedrohungsbild verändert hat und welche Konsequenzen daraus für Unternehmen entstehen. Die Anwesenheit der Bundeswehr war dabei mehr als ein symbolischer Programmpunkt. Sie machte sichtbar, dass Energieversorgung und nationale Sicherheit immer stärker miteinander verbunden sind. Betreiber kritischer Infrastruktur müssen sich heute mit Szenarien auseinandersetzen, die früher eher in sicherheitspolitischen Planspielen als im Alltag von Energieunternehmen verortet wurden. Gleichzeitig wurde klar: Staat und Wirtschaft können diese Aufgabe nur gemeinsam bewältigen. Unternehmen verfügen über das technische Know-how, die Anlagen und die Fähigkeit, Systeme wiederherzustellen. Bei organisierten Angriffen, Terrorismus, hybriden Bedrohungen oder gezielten Angriffen aus dem Ausland braucht es jedoch ebenso die Sicherheitsbehörden und staatlichen Strukturen.

Eine Bedrohung, die inzwischen sehr konkret ist

Diese aktuellen Ereignisse verleihen den Diskussionen des vgbe Congresses eine zusätzliche Dimension: Die Frage, wie ein Energiesystem auf einen Angriff reagiert, ist keine theoretische Übung mehr. Resilienz bedeutet deshalb nicht nur, einen technischen Fehler ausgleichen zu können. Es geht darum, auch unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben – nach einem Cyberangriff ebenso wie nach einem physischen Angriff auf eine Anlage oder bei einer Kombination verschiedener Krisen. Stromnetze, Kraftwerke, Umspannwerke, Speicher und digitale Steuerungssysteme gehören zu den kritischen Infrastrukturen eines modernen Staates. Ihr Ausfall kann nicht nur wirtschaftliche Schäden verursachen, sondern innerhalb kürzester Zeit erhebliche Auswirkungen auf Gesellschaft, Verwaltung, Kommunikation, Verkehr und militärische Fähigkeiten haben.

Der Congress brachte diese unterschiedlichen Perspektiven bewusst zusammen. Mit Dr. Nina Scheer MdB, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kristian Ruby, Generalsekretär von Eurelectric, und Bastian Olzem vom BDEW kamen politische und europäische Perspektiven ebenso zu Wort wie die Sicht der Energiebranche. Dabei wurde deutlich, wie komplex die Transformation des Energiesystems inzwischen geworden ist. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet voran, gleichzeitig steigen die Anforderungen an Flexibilität, Netze, Speicher und gesicherte Leistung. Hinzu kommen neue Verbraucher wie Rechenzentren und die wachsende Bedeutung künstlicher Intelligenz. Auch die Untersuchung des Iberischen Blackouts war deshalb von besonderem Interesse. Klaus Kaschnitz von ENTSO-E und APG stellte den Abschlussbericht der Untersuchungskommission vor. Die Analyse zeigte einmal mehr, wie wichtig es ist, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern Wechselwirkungen im gesamten Energiesystem zu verstehen.

Politik, Energiewirtschaft und Europa im Dialog

Unter dem Leitgedanken „vgbe – powered by its members“ wurde in Berlin besonders sichtbar, welchen Stellenwert der Austausch zwischen den Mitgliedsunternehmen besitzt. Fachleute aus Kraftwerken, Netzen, Forschung und Industrie bringen Erfahrungen ein, entwickeln Standards weiter und geben Wissen an die Gemeinschaft zurück. Die Organisation verbindet seit mehr als 105 Jahren technische Kompetenz, praktische Erfahrung und internationale Zusammenarbeit. Heute gehören ihr Mitglieder aus 33 Ländern an. Technisch bot der Congress dementsprechend ein breites und international aufgestelltes Abbild der Branche. Die Beiträge reichten von Wasserstoff und CCUS über Batteriespeicher und neue Formen der thermischen Erzeugung bis zu Digitalisierung und künstlicher Intelligenz.

Besonders deutlich wurde dabei, dass Transformation und Resilienz keine Gegensätze sind. Der Umbau des Energiesystems muss vielmehr so gestaltet werden, dass Versorgungssicherheit und technische Zuverlässigkeit erhalten bleiben. Das zeigte sich auch in den Sessions des zweiten Kongresstages: Themen wie OT-Sicherheit, physischer Schutz von Energieanlagen, Batteriespeicher, digitale Zwillinge, intelligentes Anlagenwissen, Wasserstoff, CCUS, Offshore-Windenergie und die Transformation bestehender Kraftwerksstandorte standen auf dem Programm. Gerade der Blick auf bestehende Anlagen war dabei interessant. Denn die Energiewende besteht nicht ausschließlich aus dem Bau neuer Infrastruktur. Auch bestehende Kraftwerke und Standorte müssen sicher betrieben, umgebaut, stillgelegt oder für neue Nutzungen vorbereitet werden.

Kompetenz als Eckpfeiler der Resilienz: Auszeichnungen für Innovation und Sicherheit

Ein weiterer Höhepunkt waren die vgbe Awards. Der Innovation Award wurde 2026 erstmals an vier Preisträger vergeben: Viktor Andersson, Elias Ehlmé, Stephan Elsen-Humberg und Johannes Lips. Ausgezeichnet wurden Arbeiten zu innovativen technischen Lösungen unter anderem in den Bereichen Alkali-Spektrometrie, thermische Strahlung, Wasserstoff und die betriebliche Flexibilität von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

(v.l.n.r.: Dr. Oliver Then, Elias Ehlmé, Viktor Andersson, Stephan Elsen-Humberg, Johannes Lips, Dr. Georg Stamatelopoulos)

Ein weiterer Höhepunkt waren die vgbe Awards. Der Innovation Award wurde 2026 erstmals an vier Preisträger vergeben: Viktor Andersson, Elias Ehlmé, Stephan Elsen-Humberg und Johannes Lips. Ausgezeichnet wurden Arbeiten zu innovativen technischen Lösungen unter anderem in den Bereichen Alkali-Spektrometrie, thermische Strahlung, Wasserstoff und die betriebliche Flexibilität von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

Der Safety & Health Award ging an EDP Gestão da Produção, S.A. für das „PlayitSafe Card Deck“. Das zweisprachige Kartenset unterstützt Sicherheitsdialoge im Arbeitsalltag und zeigt, dass Sicherheitskultur nicht ausschließlich durch technische Vorschriften entsteht, sondern durch Kommunikation und tägliche Aufmerksamkeit.

(v.l.n.r.: Dr. Oliver Then, Joana Godinho Kundel dos Santos, Dr. Georg Stamatelopoulos)
(v.l.n.r.: Dr. Manfred Freimark, Jürgen Aydt, Dr. Georg Stamatelopoulos)
Besondere Anerkennung erhielten außerdem Dr. Manfred Freimark und Jürgen Aydt für ihr jahrzehntelanges Engagement in den vgbe-Gremien. Aydt prägte insbesondere die Weiterentwicklung des KISSY-Benchmarking-Systems, während Freimark über Jahrzehnte die Arbeit des Turbinenausschusses und zahlreiche technische Veranstaltungen unterstützte.
Gerade diese Ehrungen machten einen zentralen Gedanken des Congresses sichtbar: Resilienz entsteht nicht allein durch Technik. Sie entsteht durch Erfahrung, Standards, belastbare Prozesse und Menschen, die wissen, wie Anlagen funktionieren – und was zu tun ist, wenn etwas nicht funktioniert. Dazu gehören auch die von vgbe-Referent Dr. Thomas Eck vorgestellten Benchmarking-Programme wie KISSY, dessen Daten inzwischen auf mehr als fünf Jahrzehnte zurückblicken. Sie schaffen eine Wissensbasis über Verfügbarkeit, Betrieb und Störungen und machen Erfahrungen aus der Vergangenheit für zukünftige Entscheidungen nutzbar.

Kompetenz als Eckpfeiler der Resilienz: Auszeichnungen für Innovation und Sicherheit

Neben den Vorträgen war deshalb auch der persönliche Austausch ein wesentlicher Bestandteil des Congresses. Die Fachausstellung bot bei gehobener kulinarischer Begleitung Raum für Gespräche über neue Technologien und konkrete Projekte. Die Mitgliederversammlung des vgbe energy e.V. und das anschließende Abendprogramm im Zollpackhof führten die Gespräche außerhalb des Konferenzsaals fort. Gerade in einer Zeit, in der Energieversorgung immer komplexer und gleichzeitig immer sicherheitsrelevanter wird, bleibt dieser persönliche Austausch unverzichtbar. Am zweiten Veranstaltungstag ging es in vier parallelen Sessions um die so wichtigen Praxisbeispiele der Resilienz, Innovation und Transformation von Energiestandorten direkt aus Sicht der Analgenbetreiber wie EVN Austria, LEAG, RWE und EnBW sowie deren Projektpartner wie Hochschulen, Institute und Ingenieurbüros. Nach acht Stunden mit insgesamt 24 Vorträgen, 32 Rednern und 5 Moderatoren versammelten sich alle Teilnehmer, um die Abschlussrede von Geschäftsführer Dr. Oliver Then zu verfolgen.

Nachdem er diese zwei spannenden Congresstage zusammenfasste und allen Rednern, Teilnehmern und Organisatoren dankte, entließ er die Zuhörerschaft mit einem besonderen Denkanstoß zur ganz persönlichen, körpereigenen Resilienz und Krisenfestigkeit:

„What could I personally do for improving resiliance for me and my family, not only for my boss and my company?!“

Der kommende vgbe Congress findet am 22./23. September 2027 erneut im Steigenberger Hotel am Kanzleramt in Berlin statt!